In einer Fabrik am Wasser in Island sortieren Arbeiter in Haarnetzen und blauen Overalls frisch gefangenen Kabeljau und Schellfisch, während Maschinen sie zu Filets verarbeiten, die größtenteils nach Europa gehen. Eine Szene fleißiger Normalität, doch die Fische auf den Förderbändern stehen im Zentrum einer politischen Gratwanderung, die das ganze Land in Atem hält.
Der Fischereiboss Pétur Pálsson von Visir fürchtet, dass ein EU-Beitritt Islands Arbeitsplätze kosten und Fabriken ins Ausland treiben würde. "Wenn wir in der EU sind, werden sie die Politik machen", sagt er mit der müden Resignation eines Mannes, der schon viele Politiker beobachtet hat, die ihm Bürokratie verkaufen wollten.
Am Samstag entscheiden die Wähler dieser Inselnation mit fast 400.000 Einwohnern, ob Island die Gespräche über einen EU-Beitritt wieder aufnehmen soll. Umfragen deuten auf ein zu knappes Rennen hin - eine aktuelle Umfrage sieht das Ja-Lager mit 51,3% zu 48,7% vorn, während eine frühere die Lager gleichauf sah. "Es ist unmöglich [schwer] vorherzusagen", sagt Eirikur Bergmann, Politikprofessor an der Universität Bifröst. "Beide Lager werfen alles, was sie haben, in die Waagschale."
Befürworter argumentieren, dass engere europäische Bindungen Islands volatile Währung und die explodierenden Lebenshaltungskosten zähmen könnten. Gegner sagen, es gehe um Souveränität und die Kontrolle über die "unbezahlbaren" Fischgründe, und sie würden lieber allein weitermachen. Diese Bruchlinie spaltet die Isländer seit Jahrzehnten, aber nach dem Sieg bei der vorgezogenen Wahl 2024 hat die Mitte-Links-Regierung von Premierministerin Kristrún Frostadóttir zugesagt, bis 2027 ein Referendum abzuhalten. Russlands Krieg in der Ukraine, sich verschärfende Rivalitäten in der Arktis und US-Präsident Donald Trumps Zolldrohungen und Ambitionen auf Grönland haben diesen Zeitplan beschleunigt.
"Die Dinge haben sich in Bezug auf geopolitische Herausforderungen sehr schnell bewegt", sagt Finanzminister Daði Már Kristófersson der BBC und bringt Islands Platz in der Welt "auf die Tagesordnung". Island liegt hoch im Nordatlantik, angrenzend an die strategische GIUK-Lücke, wo russische maritime Aktivitäten vom Westen genau beobachtet werden. Es ist Gründungsmitglied der NATO, hat aber keine eigene Armee - eine Eigenheit, die Sicherheit zu einem heiklen Tanz macht.
Kristóferssons liberale Reformpartei ist eine führende Stimme hinter der Ja-Kampagne. Er argumentiert, dass eine EU-Mitgliedschaft Islands Sicherheits- und Handelsposition stärken und es vor viel größeren Mächten schützen würde. Es gibt auch das wirtschaftliche Argument: "Wir sehen die Möglichkeit, der EU beizutreten und den Euro einzuführen, als einen sehr bedeutenden Vorteil für isländische Unternehmen und die isländische Allgemeinheit", sagt er.
Ein Ja würde Verhandlungen mit Brüssel in Gang setzen, aber ein zweites Referendum müsste jeden endgültigen Beitrittsvertrag absegnen, und alle 27 EU-Mitglieder müssten ebenfalls zustimmen. Ein Nein würde die Gespräche vorerst auf Eis legen. Einige Isländer werden voraussichtlich Ja stimmen, gerade weil dies nicht das letzte Wort ist. "Wir müssen wissen, was im Paket der EU steckt", sagt die Reykjavíkerin Anna Ragnarsdottir. "Wenn wir Nein sagen, werden wir es nie erfahren."
Obwohl Island außerhalb der EU liegt, ist es Teil des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) zusammen mit Norwegen und Liechtenstein, also im Binnenmarkt und in der grenzfreien Schengen-Zone. Reykjavik eröffnete zwei Jahre nach der verheerenden globalen Finanzkrise 2008 EU-Beitrittsgespräche, brach sie aber 2013 ab. Fischerei war damals das größte Hindernis und ist auch heute noch ein Knackpunkt.
Fisch und Meeresindustrie machen fast 40% der isländischen Exporte aus, und viele Nein-Wähler sorgen sich, dass sie unter der gemeinsamen Fischereipolitik der EU die Kontrolle über ihre lukrativen Fanggründe abgeben könnten. Oppositionsführerin Guðrún Hafsteinsdóttir, die die Nein-Kampagne leitet, schwört, dass Islands Gewässer niemals geteilt werden. Fischerei ist untrennbar mit Islands Kultur und politischer Identität verbunden, und kein Politiker könnte jemals dieses Zugeständnis machen, sagt Professor Bergmann. "Sie würden aus dem Land verbannt."
Islands Regierung beabsichtigt, eine "Sonderregelung" zum Schutz von Fischerei und Landwirtschaft auszuhandeln, und der Finanzminister sagt, sie seien zuversichtlich, dass dies möglich sei.