Argentiniens WM-Lauf angetrieben von Kindheitsträumen, unerschütterlichem Glauben und einer gesunden Missachtung der Geschichte
Argentinien erreicht das WM-Finale angetrieben von Kindheitserinnerungen, elterlichem Bettenmachen und einer nationalen Identität, die sich jeder Kategorisierung widersetzt – plus solider Beinarbeit.
Nachdem er das Tor erzielt hatte, das Argentinien ins WM-Finale brachte, weinte Lautaro Martínez live im Fernsehen. Nicht wegen des Tores, sondern weil seine Mutter ihm noch das Bett machte, als er als Teenager auszog. Prioritäten. Cheftrainer Lionel Scaloni gab zu, dass er nach dem Tor von England etwas nervös war, aber nie an seiner Mannschaft zweifelte. „Sie sind aufgewachsen, ohne Angst zu haben“, sagte er, „und Verantwortung lastet nicht auf ihnen – sie spielen wie Achtjährige.“ Denn nichts sagt spannungsgeladenes Halbfinale wie sich vorzustellen, man sei auf einem Spielplatz.
Dies ist ein Team wilder, spontaner Kämpfer, sagt Scaloni. Und sie kommen aus einem Land, das der Nobelpreisträger und Ökonom Simon Kuznets bekanntermaßen in eine von vier Kategorien einteilte: entwickelt, unterentwickelt, Japan und Argentinien. Ja, Argentinien hat seine eigene Kategorie – denn Komplexität und Nuancen sind so letztes Jahrhundert. Die Identität der Nation ist ein glorreiches Chaos: Nazis flohen dorthin, Juden jagen sie, syrische Einwanderer bauten Moscheen, und die neuesten Wellen umfassen Russen, Afrikaner und Venezolaner. Indigene kämpfen um Landrechte, Afroargentinische schreien in sozialen Medien, und man kann japanisch-peruanische Fusion neben ukrainischer Küche bekommen. Es ist vielfältig, polarisiert, klassenbewusst und ungleich – genau wie überall sonst, nur mit besserem Fußball.
Fußball ist das eine, das sie vereint. „Wir können jedem Gegner die Hand schütteln und ihm als Gleichberechtigter in die Augen sehen“, sagte Daniel Passarella, Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1978. Das ist nett, nur dass Argentiniens enge Beziehungen zur FIFA und zu Donald Trump die Underdog-Erzählung etwas weit hergeholt erscheinen lassen. Messi-Manie ist eine Marketing-Maschinerie, der Verband steht unter FBI-Beobachtung, und die Mannschaft ist im Ausland nicht gerade beliebt. Aber die Argentinier kümmert das nicht. Sie ergeben sich der Messi-Magie, spüren jede Drehung des Balls und glauben an den heiligen Kreis – für 90 Minuten. Dann geht es zurück in die Realität, wo sich nichts ändert. Wie der brasilianische Dichter Sérgio Vaz es ausdrückte: „Man schaut nicht Fußball, man fühlt ihn.“ Und sie fühlen ihn intensiv: Schmerz, Tränen, Angst und das tröstliche Wissen, dass sie nicht allein sind. Es bedeutet, dass sie lebendig sind – und im Finale.
The Good Times
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