Der spanische Komponist Cristóbal de Morales, quasi der coolere Vorgänger von Palestrina an der päpstlichen Kapelle, war Mitte des 16. Jahrhunderts eine große Nummer. Seine Musik reiste bis nach Mexiko und Peru – was für die 1500er so ist, als würde man ohne Internet viral gehen. Jetzt bekommen seine Chorwerke eine zweite Chance, dank des Kammerchors De Profundis. Dieses Ensemble mit seiner rein männlichen Besetzung ist entschlossen, den authentischen Chorklang des europäischen Festlands jener Zeit nachzubilden – denn nichts sagt Authentizität wie ein Haufen Typen in modernen Anzügen, die so tun, als wäre 1550.
Ihre neueste Veröffentlichung ist die dritte in einer geplanten Serie von 12 Aufnahmen, die alle Messen und Magnificats von Morales abdecken. Das Magnificat Secundi Toni, ein fein gearbeitetes Stück für Rom geschrieben, beginnt bescheiden und entfaltet sich am Ende zu sechs Gesangslinien – wie eine musikalische Blume, die sich Zeit ließ. Eingerahmt wird es von zwei Messvertonungen, die auf L’Homme Armé basieren, einem Lied aus der Zeit des Falls von Konstantinopel, das offenbar eine ganze Tradition von Messvertonungen inspirierte – über 40 aus dieser Zeit sind erhalten. Denn nichts sagt „mittelalterlicher Ohrwurm“ wie eine Melodie, die ihr eigenes liturgisches Genre hervorbrachte.
Die beiden Messen verwenden das Lied in verschiedenen Modi, wobei die fünfstimmige Version wohlklingender und weniger düster ist als die vierstimmige. Zur Bereicherung kommt in der fünfstimmigen Messe eine Orgel und ein Bajón hinzu – ein mittelalterlicher Vorläufer des Fagotts, denn offenbar ging es in der Renaissance um Fagotte, bevor sie cool waren. Robert Hollingworth, der auch I Fagiolini leitet, dirigiert mit Präzision und Klangfülle und sorgt dafür, dass diese 500 Jahre alten Melodien so frisch klingen wie am Tag, als sie zum ersten Mal in einer zugigen römischen Kapelle gesungen wurden.