Kraken sind seit langem fuer ihre bemerkenswerte Intelligenz bekannt. Ein beruehmtes Beispiel war Inky, der Oktopus, der 2016 aus dem National Aquarium Neuseelands entkam, indem er sich durch ein Abflussrohr quetschte und zurueck ins Meer fand. Nun haben Forscher der Dartmouth eine weitere beeindruckende Faehigkeit entdeckt. Eine neue Studie, veroeffentlicht in Current Biology, ergab, dass Kraken lernen koennen, Spiegel zu nutzen, um verstecktes Futter zu orten, was anspruchsvolles raeumliches Denken beweist.

„Unsere Ergebnisse sind der erste Nachweis, dass Wirbellose Spiegel nutzen koennen, um ihre Umgebung zu verstehen und Beute zu finden“, sagt Hauptautorin Mary Kieseler, Guarini '25, die die Forschung als Doktorandin im Fachbereich Psychologische und Hirnwissenschaften an der Dartmouth durchfuehrte und jetzt Postdoc an der Universitaet Freiburg in der Schweiz ist. „Es ist eine Faehigkeit, die zuvor nur bei Wirbeltieren dokumentiert wurde, wie bei einigen Saeugetieren und Voegeln.“ Das Forschungsteam arbeitete mit drei Kalifornischen Zweipunktkraken (Octopus bimaculoides), die im Octopus Lab der Dartmouth untergebracht waren. Ihr Ziel war es herauszufinden, ob die Tiere lernen koennen, einen Spiegel zu nutzen, um den Standort einer Futterquelle zu identifizieren, die ausser Sichtweite war. Statt das Spiegelbild anzugreifen, mussten die Kraken herausfinden, wo sich der Reiz tatsaechlich befand, und sich dorthin bewegen.

Die Tiere bekamen zunaechst Zeit, sich mit einem in ihrem Lebensraum platzierten Spiegel vertraut zu machen. Als naechstes trainierten die Forscher sie, die Beziehung zwischen einer Spiegelung und der realen Welt zu verstehen. In dieser Phase wurde eine lebende Krabbe in ein Glasgefaess gesetzt, das so positioniert war, dass der Oktopus sie nur durch den Spiegel sehen konnte. Um an die Krabbe zu gelangen, musste sich das Tier um 90 Grad drehen und um eine Ecke herumbewegen. „Wir kommen nicht mit dem Wissen auf die Welt, wie man einen Spiegel benutzt, sondern lernen, ihn zu nutzen“, sagt Seniorautor und kognitiver Neurowissenschaftler Peter Tse, Professor fuer Psychologische und Hirnwissenschaften an der Dartmouth. So wie neue Fahrer lernen, einen Rueckspiegel zu nutzen, um andere Fahrzeuge zu verfolgen, „koennen auch Kraken lernen, einen Spiegel zu nutzen, um zu erschliessen, wo sich Dinge in der Welt befinden.“

Kraken besitzen Chemorezeptoren, die es ihnen ermoeglichen, durch Beruehrung zu riechen und zu schmecken, was die Ergebnisse haette beeinflussen koennen, wenn echte Beute waehrend der Tests verwendet worden waere. Um dieses Problem zu vermeiden, verliessen sich die Forscher stattdessen auf ein virtuelles Krabbenbild. Fuer das Experiment wurde jeder Oktopus in eine Startbox gesetzt, die vorne und oben offen war. Ein Spiegel wurde direkt vor dem Tier positioniert. Das virtuelle Krabbenbild erschien hinter dem Oktopus, entweder auf seiner linken oder rechten Seite, war aber nur durch den Spiegel sichtbar. Um eine Belohnung zu erhalten, musste der Oktopus erkennen, wo sich das Bild tatsaechlich befand, und sich zu dieser Position bewegen. Statt sich dem Spiegel selbst zu naehern, drehten sich die Tiere um und bewegten sich zur richtigen Seite, wo sie eine lebende Krabbe als Belohnung erhielten. Einige Kraken kletterten sogar ueber den Rand der Box, um den Ort des projizierten Bildes zu erreichen, anstatt herumzuschwimmen. Die Tiere waehlten in etwa 73% der Faelle die richtige Seite.

Die Forscher verfolgten einen Punkt zwischen den Augen des Oktopus auf dem Mantel, dem koerperteil, das einem Kopf vergleichbar ist, mittels Beobachtungen von oben. Sie massen auch die Routen, die die Tiere auf der Suche nach der Belohnung nahmen. Obwohl die Kraken nicht immer den kuerzesten Weg waehlten, wurden sie im Laufe der Versuche schneller darin, den richtigen Ort zu erreichen. Laut den Forschern koennten die Erkenntnisse neue Einblicke darin geben, wie sich Intelligenz entwickelt. „Kraken gehoeren zu den evolutionaer am weitesten vom Menschen entfernten Tieren, da unser letzter gemeinsamer Vorfahre ein Wurm war, der vor 350 bis 500 Millionen Jahren lebte“, sagt Kieseler. „Angesichts der Tatsache, dass ein so entfernter Organismus unabhaengig die Mittel entwickelt hat, einen Spiegel als Werkzeug zur Verarbeitung raeumlicher Kognition zu nutzen, deutet dies darauf hin, dass die zugrundeliegenden kognitiven Prozesse konvergenter Evolution unterliegen koennten, bei der verschiedene Arten aehnliche neuronale Loesungen fuer dieselbe Herausforderung entwickeln.“