Zum Abschluss des diesjährigen Filmfestivals von Cannes haben Kritiker kollektiv mit den Schultern gezuckt und es als enttäuschende Ausgabe bezeichnet. Ob es nun der Mangel an A-List-Stars oder die kontroverse Auswahl der Wettbewerbsfilme war – es gab nicht viel, was die Pulsschläge in die Höhe trieb, und selbst einige der gefeiertsten Autoren lieferten Arbeiten ab, die sich etwas zu vertraut anfühlten – wie das Greatest-Hits-Album eines Regisseurs, aber mit weniger Knallern.

Trotzdem könnte diese Auswahl im Rückblick stärker wirken, sobald die Preisverleihungssaison beginnt, denn die Geschichte hat uns gelehrt, dass Cannes normalerweise zwei bis drei Oscar-Nominierte für den besten Film pro Saison hervorbringt, und selbst dieses gedämpfte Line-up hat seine fairen Anteile an großen Anwärtern. Allen voran ist „La Bola Negra“ („Der schwarze Ball“), das am vorletzten Wettbewerbstag Premiere hatte und dem Festival einen längst überfälligen Schub verlieh. Von den spanischen Regisseuren Javier Calvo und Javier Ambrossi, dieses schwungvolle und romantische Triptychon schwuler Geschichten wechselt fließend von der Gegenwart zum Spanischen Bürgerkrieg, und obwohl das Ensemble hauptsächlich aus schönen jungen Gesichtern besteht, die dem amerikanischen Publikum weitgehend unbekannt sein werden, schauen Oscar-Lieblinge Penélope Cruz und Glenn Close für eine Handvoll saftiger Szenen vorbei. „La Bola Negra“ ist ein unverhohlen emotionales (und teuer aussehendes) Epos, das sich wie ein übergreifender Oscar-Anwärter anfühlt. Es kam ohne amerikanischen Verleiher nach Cannes, aber die Unterhaltungsmedien berichteten von einer Bieterkrieg, der scheinbar von Netflix gewonnen wurde – denn nichts sagt „Prestige“ wie ein Streaming-Algorithmus.

Der größte Verkauf des Festivals kam früh, als A24 „Club Kid“ für angeblich 17 Millionen Dollar schnappte – eine Zahl, die eine bedeutende Award-Kampagne vorhersagt. Man würde nicht erwarten, dass diese Komödie des amerikanischen Regisseur-Stars Jordan Firstman („I Love L.A.“) ein großes Oscar-Fahrzeug ist, da es eine kleine Geschichte über einen schwulen Club-Promoter ist, der den Sohn trifft, von dem er nie wusste, dass er ihn hat. Aber Firstman meistert die Sache auf publikumsfreundliche Weise, und „Anora“-Produzent Alex Coco weiß, wie man einen schäbigen kleinen Film wie diesen durch die rauen Gewässer der Award-Saison steuert – vermutlich mit einem Rettungsfloß aus goldenen Statuetten.