Das Filmfestival von Venedig hat sein Programm enthüllt, und es ist eine glorreich chaotische Mischung aus Autorenfilmen, Rock-Reunions und einer sehr langen Hommage an einen Regisseur mit problematischem Erbe. Danny Boyles neuester Film, adaptiert von James Graham nach seinem eigenen Theaterstück, taucht ein in die Urszene des modernen Britanniens: Rupert Murdoch (Guy Pearce) kauft 1969 die Sun und verwandelt sie in ein lärmendes Kraftwerk aus sexistischer Schmutzliteratur und Tory-Politik, während das britische Establishment vor dem kolonialen australischen Pressebaron zurückschreckt. Jack O'Connell spielt den Herausgeber Larry Lamb, denn jede Ursprungsgeschichte braucht einen Sidekick.

Der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky setzt sein kolossales, kontroverses Multimedia-Projekt mit einer neuen Folge aus Hunderten von Stunden immersiven Improvisationsmaterials fort, das vor 15 Jahren in der Ukraine gedreht wurde. Diese Episode folgt dem sowjetischen Wissenschaftler Lev Landau ("Dau"), der sexuelle Ängste durchlebt und über die Liebe unter dem Totalitarismus nachdenkt – denn warum nicht ein bereits bizarres Projekt noch unklassifizierbarer machen?

Der Dokumentarfilmer Lance Oppenheim gibt sein Spielfilmdebüt mit einem Film, in dem Robert Pattinson den realen TV-Moderator Chris Hansen spielt, Gastgeber von "To Catch a Predator". Die Show lockte Kinderschänder in ein Haus für spektakuläre Festnahmen, aber der Film fragt: Ist Hansen nicht auch irgendwie ein Raubtier? Meta, oder?

Sophie Fiennes führt Regie bei Slavoj Žižek im dritten und letzten Teil seiner "Pervert's Guide"-Trilogie, diesmal über Utopien. Erwarte dekonstruktive Feuerwerke, wenn der schelmische Hegelianische Gedanken-Maestro Filme, Fernsehen, Kunst und Popkultur mit seiner charakteristischen Fetischisierung von Oberflächen seziert.

Die dänisch-ägyptische Regisseurin May el-Toukhy bietet eine schaurige Variante von Rebecca. Im Dänemark nach dem Zweiten Weltkrieg will ein Witwer sein Kindermädchen heiraten, aber sie muss das Hochzeitskleid seiner verstorbenen Frau tragen. Eine schaurige Enthüllung aus der Vergangenheit folgt, denn nichts sagt "neue Anfänge" wie das Kleid einer toten Frau.

Will Lovelace und Dylan Southern, die zuvor einen Film über Blur machten, widmen sich nun Oasis' kolossaler Reunion-Tour. Mit Backstage-Aufnahmen, einem Doppelinterview mit Liam und Noel Gallagher und einer Struktur von Steven Knight fragt der Dokumentarfilm: Ist dies eine positive Botschaft über die Bedeutung von Musik oder ein zynisches Abkassieren für alle Beteiligten? (Spoiler: Es ist wahrscheinlich beides.)

Der koreanische Autorenfilmer Lee Chang-dong kehrt nach einer Pause seit 2018s "Burning" zurück – obwohl seine Kurzgeschichtensammlung letztes Jahr gut aufgenommen wurde. Sein neuer, von Netflix produzierter Film erkundet die angespannten Beziehungen zwischen zwei Paaren, deren Leben und Schicksale sich verflechten. Denn nichts sagt "Netflix Original" wie existenzielle Angst.

Martin McDonagh bringt sein Markenzeichen toxischer Männerfreundschaften nach Venedig mit einem tiefschwarzen Comedy-Thriller. John Malkovich und Sam Rockwell spielen zynische CIA-Männer in Santiago 1973, die den Sturz von Salvador Allende planen. Aber Malkovich braucht eine Pause, also machen sie Urlaub auf der Osterinsel – wo grausige Geheimnisse ans Licht kommen. Denn auch Putschisten haben einen Urlaub verdient.

Luca Guadagnino liefert eine siebenstündige, zweiteilige dokumentarische Liebeserklärung an Bernardo Bertolucci. Festivaldirektor Alberto Barbera versichert, dass man wie gebannt vor dem Bildschirm kleben bleibt, aber der Film muss sich auch Bertoluccis missbräuchlichem Verhalten gegenüber Maria Schneider während "Der letzte Tango in Paris" stellen. Sieben Stunden sind eine lange Zeit, um damit zu sitzen.

Florian Zeller bringt sein elegantes, schneidendes Drama nach Venedig mit Javier Bardem und Penélope Cruz. Ein modischer Architekt entsetzt seine Frau, indem er den Auftrag annimmt, einen Überlebensbunker für einen gruseligen Oligarchen zu entwerfen. Denn nichts sagt "Ich liebe dich" wie ein luxuriöser Panikraum.

Toni Servillo macht seinen obligatorischen Festivalauftritt als mürrischer pensionierter Illustrator, der damit beauftragt ist, 72 Stunden lang auf seinen vierjährigen Enkel aufzupassen. Ihre zerrüttete Beziehung wird zu einer aufschlussreichen Konfrontation, denn Großeltern sind nur unbezahlte Therapeuten.

Schließlich spielen Al Pacino und Kiefer Sutherland in einem Manhattan-Mob-Drama, das von Luc Besson geschrieben wurde. Sutherland spielt Pater Joe, einen feurigen Priester, der gegen Gangster kämpft, die von Pacino personifiziert werden. Denn wer möchte nicht einen Priester, der wie ein Actionheld gegen die Mafia vorgeht?